Der Verein
frida
reagiert mit der Materialiensammlung
kolloquiA
auf die Geschlechterasymmetrie im österreichischen Informationswesen, wie
sie sich in der Arbeitspraxis, in der theoretischen Grundlegung sowie in der
Aus- und Weiterbildung zeigt. Mit dieser Erarbeitung von Forschungsgrundlagen
und Lehrmaterialien soll eine multidisziplinäre Basis geschaffen werden,
auf die theoretisch, praxisbezogen, bildungs- und frauenpolitisch
zurückverwiesen werden kann.
Die Studie ist eine Bestandsaufnahme österreichischer
frauenbezogener/feministischer Informationsarbeit mit spezifischem Interesse
für die Aktivitäten der in die Vernetzungsinitiative
frida
eingebundenen Einrichtungen. Dadurch sollen die umfassenden Leistungen
feministischer Informationsexpertinnen einer breiten (informationsberuflichen)
Öffentlichkeit bewusst gemacht und zugleich variante Sichtweisen auf
Informationsarbeit vorgestellt werden. Wie überhaupt es ein Anliegen ist,
die geschlechterdemokratische "Sichtbarmachung" von Frauen im
konkreten Arbeits- und Wissenschaftsgebiet zu fördern und beruflichen
Geschlechterstereotypien, wie sie sich beispielsweise in der Verknüpfung
von traditionellem Frauenbild und Bibliothekarinnenimage präsentieren,
entgegenzuwirken.
kolloquiA
könnte als gemeinsames inhaltliches Fundament
frauenbewusster/feministischer Informationsexpertinnen dazu beitragen,
eigenständige alternative Werte und Definitionen zu schaffen und sich
damit in einem Arbeitsfeld, das tief greifenden Veränderungen unterworfen
ist, zu positionieren.
Unter anderem gilt es, im multidisziplinären Rahmen die bestehenden
informations- und dokumentationswissenschaftlichen Forschungsansätze
geschlechtsbezogen zu analysieren, sodass kritische Positionen, nötige
Neuformulierungen und Ergänzungen ermöglicht werden. Ein weiteres
Ziel ist das Vermitteln der Bedeutsamkeit frauenrelevanter/feministischer
Informationsarbeit als Kultur- und Bildungsarbeit. In der Diskussion um den
Einsatz Neuer Technologien wird viel zu wenig oder immer weniger aufgezeigt,
dass frauenrelevante Informationsarbeit sich in einem konkreten historischen
und soziokulturellen Kontext von weiblichen Arbeits-, Bildungs- und
Lebenszusammenhängen entwickelt hat und nach wie vor befindet.
Seit den Achtzigerjahren nimmt ein technokratischer Bildungsbegriff
überhand. War es zuvor das "klassische" bildungsbürgerliche
Verständnis vom Schönen, Wahren und Guten, so wird Bildung nunmehr
reduziert
"auf arbeitsmarktverträgliche Fertigkeiten; zur Zeit verstärkt
auf den Erwerb von Know-how über Informationstechnologien und die damit
verbundenen Transfers. [...] Diesen beiden Bildungsbegriffen ist ein
demokratisch-feministischer gegenüberzustellen, der alle Wissensfelder im
weitesten Sinne als politische interpretiert und die Analyse von Bedingungen
und wandelnden Funktionen von Wissensproduktion in rasant sich
verändernden Macht- und Herrschaftsverhältnissen zum Ausgangspunkt
seines bildungspolitischen Handelns nimmt"
(Ursula KUBES-HOFMANN: Warum ein feministisches Grundstudium. In: Dies. ;
Elisabeth Wohofsky (Hg.): Sternzeit. Frauengenerationen und historisches
Bewußtsein. Eine Dokumentation. Wien 1998: 145 f.).
Seit mehr als zwei Jahrzehnten durchläuft der Arbeits- und
Wissenschaftsbereich des Informationswesens, der sich mit der
"Verwaltung" von gesellschaftlichem Wissen befasst, enorme und
rasante Veränderungsprozesse. Nicht nur, dass am bisherigen allgemein
verbindlichen Kultur- und Wissensmodell mit seiner gedruckten Tradierung
gerüttelt wird, auch in Bezug auf soziale Systeme zeichnen sich
Irritationen ab. Ebenso sind jene Orte, die traditionellerweise die Verwahrung
und Vermittlung des Dokumentenmaterials übernommen haben - Bibliotheken,
Archive, Dokumentationsstellen - herausgefordert, die Dynamik und auch
Konkurrenz der informationstechnologischen Möglichkeiten zu
bewältigen und nutzbar zu machen.
In dieser Situation des Umbruchs und damit der Neu-Positionierung erhält
die Genderperspektive besonderes Gewicht, um das zu verhindern, was die
Geschichte der "öffentlich" und machtpolitisch relevanten
Wissensproduktion und Wissensorganisation bisher vorgelegt hat: eine
durchgängige Diskriminierung von Frauen. Gerade die aktuellen
Zusammenhänge zwischen politisch-ökonomischen Interessen und dem
Genderdiskurs im Konnex zur Informationstechnologie und telematischen Kultur
haben mittlerweile in den feministischen Wissenschaften eine breite Debatte
ausgelöst.
Mit diesem aktuellen Wandel korrespondiert die Berufsentwicklung, wonach die
"klassischen" Berufe BibliothekarIn, ArchivarIn und DokumentarIn dem
internationalen Trend folgend unter einem Sammelbegriff
"Informationsberufe" subsumiert und um zahlreiche neue Berufs- bzw.
Tätigkeitsfelder ergänzt werden. Die traditionelle Dreiteilung in
Bibliotheks-, Dokumentations- und Archivwesen kann mittlerweile angesichts der
informations-, kommunikations- und medientechnologischen Entwicklung nicht mehr
bestehen bleiben. Die frühere Konzentrierung auf Sammeln, Ordnen und
Bewahren von gegenständlichen Materialien an dafür vorgesehenen Orten
weicht einem dynamischen Verständnis von Informationsvermittlung. Die
"klassische" Informationsarbeit, die zum Großteil im
staatlich-öffentlichen Bereich verankert ist, wird durch
nicht-öffentliche, privatwirtschaftlich organisierte Initiativen
aufgefüllt, die in andere und auch neue Tätigkeitsfelder
hineinreichen. So fügen sich neue "multidisziplinäre"
Berufsfelder zusammen, die von informations-, kommunikations- und
medientechnischen Disziplinen, von der Publizistik und
Kommunikationswissenschaft, von wirtschaftsbezogenen Theorie- und Praxisfeldern
wie etwa Unternehmensführung und -organisation oder auch von
unterschiedlich verstandenen und gewichteten informationswissenschaftlichen und
-wirtschaftlichen Konzepten ihre Fundamente beziehen.
Obwohl sich mittlerweile Genderforschung in vielen Disziplinen, die eine
Nähe zum Wissenschaftsgegenstand "Information" aufweisen -
Publizistik, Kommmunikationswissenschaften, Linguistik, Soziologie, Geschichte
oder auch in technischen Disziplinen wie Informatik etc. -, etabliert hat und
obwohl zahlreiche Fraueninformationseinrichtungen existieren, wird
frauenrelevanter/feministischer Informationsarbeit im System und Konzept der
Aus- und Weiterbildung weder inhaltlich noch personell ein
selbstverständlicher Platz zugestanden.
Aber nicht nur die Forcierung frauenbezogener Inhalte soll mit dem Projekt
kolloquiA
angezogen werden, sondern ebenso die konkrete personelle Förderung von
Fachfrauen. Denn Expertinnen, die in höhere Hierarchieebenen der Aus- und
Weiterbildung gelangen, haben wesentlichen Anteil an strukturellen
Veränderungen, indem sie dort als Mentorinnen Förderungs- und
Bewusstseinsarbeit im frauenpolitischen Sinn leisten können. Der Verein
frida
hat im Besonderen für diese Multiplikatorinnen die vorliegenden
Grundlagen der frauenrelevanten/feministischen Informationsarbeit entworfen und
will sie nun zur Vertiefung, Erweiterung und Vermittlung anbieten.
Die Mitarbeiterinnen und Autorinnen der
kolloquiA
kommen aus unterschiedlichen Arbeitszusammenhängen:
Informationsexpertinnen aus Institutionen oder autonomen Fraueneinrichtungen
der Projektepraxis, Fachfrauen aus der ministeriellen Verwaltung und dem
informationsberuflichen Ausbildungsbereich, selbstständige
Informationsfachfrauen "neuen" Designs und freie
Wissenschaftlerinnen. Sie alle präsentieren unterschiedliche Perspektiven
auf die Tätigkeitsfelder der Informationsarbeit.
Die thematisch vielfältige Bestandsaufnahme
kolloquiA
ist in fünf Abschnitte gefasst. Im
ersten Teil
wird eine Analyse des Szenarios "Information" unter
Geschlechterperspektive durchgeführt. Diese sieht das
"gesellschaftliche" Wissen, seine Herstellung, Verwaltung und
Verteilung in einem androzentrischen Kreislauf von ökonomischer,
politischer und symbolischer Macht, der Frauen die längste Zeit
ausgeschlossen hat bzw. nach wie vor marginalisiert. Weiters wird der Kontext
von Informationsarbeit und Neuen Technologien untersucht, da der Einfluss der
IuK-Technologien rasante und tief gehende Veränderungen in der
Berufspraxis mit sich bringt. Eine geschlechterbezogene Perspektive ist hier
insofern wesentlich, da die gesellschaftlich konstruierte Zuschreibung von
männlicher Techniknähe und weiblicher Technikdistanz Folgen für
Berufswahl, Ausbildung und Berufspraxis hat.
In einem
zweiten Schritt
wird ein weiter Bogen von historischen Frauenbibliotheken des 18. und 19.
Jahrhunderts, über Frauenarchive der bürgerlichen Frauenbewegung und
Büchereien der Arbeiterinnenbewegung bzw. Volksbildungsvereine bis hin zu
den feministischen Informationseinrichtungen der Neuen Frauenbewegung gespannt.
Außerdem wird versucht, Frauen in der österreichischen
Berufsgeschichte des Informationswesens zu verorten, ausgehend von der
Entwicklung der "klassischen" Informationsberufe, über die
Geschichte der österreichischen Druckerinnen und Verlegerinnen bis hin zu
aktuellen Berufs- bzw. Tätigkeitsfeldern der Informations- und
Wissensgesellschaft. Angeschlossen ist eine quantitative und qualitative
Erhebung bezüglich der Mitfrauen des Vereins
frida
.
Im
dritten Abschnitt
geht es um konkrete Bestandsaufnahmen der frauenrelevanten/feministischen
Informationsarbeit: die Analyse von Arbeitsstrukturen, die Beschreibung von
"realen" Beständen und "virtuellen" Ressourcen, ihre
Zugänglichkeit sowie inhaltliche Erschließung. Eine qualitative
Befragung widmet sich den Bedürfnissen und Erwartungen von
Benützerinnen in Fraueninformationseinrichtungen.
Der
vierte Bereich
analysiert das Aus- und Weiterbildungswesen in Österreich, wobei der
Mangel an frauenrelevanten Lehrinhalten und die Geschlechtersegregation bei
Lehrenden diagnostiziert wird, vor allem auch in jenen
Ausbildungsinstitutionen, die zukünftige Berufsfelder der
Informationsarbeit mitgestalten werden, also beispielsweise informations-,
kommunikations- und medientechnologische FH-Lehrgänge. Weiters werden
einige beispielhafte Projekte vorgestellt, die im Bildungsbereich der
frauenbezogenen Informationsarbeit innovative Wege gegangen sind. Unter anderem
werden die Frauenbibliothek der HBI Stuttgart, ein feministischer
"Course" im Fachbereich "Library and Information Studies"
der kanadischen Universität Alberta und auch das Engagement des Vereins
frida
präsentiert.
Den Abschluss der Studie bildet ein Serviceteil, der die einzelnen
Einrichtungen mit kurzer Entstehungsgeschichte, den wesentlichsten
Beständen, Arbeitsfeldern sowie "Produkten" in Form von
Publikationen oder auch größeren Veranstaltungen
(Forschungsprojekte, Ausstellungen, Tagungen etc.) charakterisiert.
Bislang gab es noch keine systematische Auseinandersetzung mit der Geschichte,
den Theorien und Methoden sowie Perspektiven österreichischer
frauenbezogener/feministischer Informationsarbeit. Die vorliegende
Bestandsaufnahme hat nicht den Anspruch, "die" Theorie zur
feministischen/frauenrelevanten Informationsarbeit in einem kompakten
Forschungsdesign zu entwerfen. Vielmehr liefern die verschiedenen Beiträge
jeweils andere Erfahrungen und Ergebnisse von Informationsarbeit, sie
können jedoch zu einem gemeinsamen losen Konzept gefasst werden.
In diesem Sinn ist
kolloquiA
in der Struktur eines Hypertextes "gedacht" und setzt sich aus
"Texturen" zusammen: ein Gewebe aus differenten Perspektiven und
unterschiedlichen Prämissen, eine Heterogenität, die letztlich doch
strukturiertes Wissen präsentiert. Auf diese positiv besetzte, weil
gestaltende Metaphorik des "Gewebten" greifen feministische
Informationstheoretikerinnen gern zurück, wie etwa hier die
Cyberfeministin Sadie Plant:
"Textilien kommunizieren zwar auch durch die Bilder, die auf der
Oberfläche des Stoffes zu sehen sind, doch dies ist nur der
oberflächlichste Sinn, in dem sie Daten speichern und verarbeiten. Weil es
keinen Unterschied zwischen dem Prozeß des Webens und dem gewobenen
Muster gibt, dauern Stoffe fort als Aufzeichnungen der Prozesse und
Umstände, die in ihre Herstellung eingegangen sind: wie viele Frauen an
ihnen gearbeitet, welche Techniken sie verwendet, welche Fertigkeiten sie
eingesetzt haben. Das sichtbare Muster ist nicht zu trennen von dem
Prozeß, in dem es produziert wurde. Programm und Muster gehen ineinander
über"
(Sadie PLANT: nullen und einsen. Digitale Frauen und die Kultur der neuen
Technologien. Berlin 1998: 73).